Der Frauenmangel

Während in Deutschland Frauen vor allem in Führungspositionen und technischen Berufen unterrepräsentiert sind, sind sie in einigen Ländern gar nicht erst vorhanden. Schaut man sich nämlich die Sex Ratio at Birth (SRB), also das Verhältnis von Jungen/Mädchen bei den Geburten an, so weicht diese insbesondere in Schwellenländern signifikant vom natürlichen Wert ab. Dieser beträgt ca. 1,05, wobei der Jungen überhang evolutionär bedingt ist, da sie ein höheres Sterberisiko im weiteren Verlauf ihres Lebens haben. In China hingegen stieg die SRB von 1,08 im Jahre 1982 auf 1,18 in den Jahren nach 2000 an. Ein ähnliches Bild zeigt sich in Indien: Von 1951 bis 2011 wuchs das Verhältnis von 1,06 auf 1,13. Aber auch Pakistan, Kasachstan, Aserbaidschan oder Albanien sind von so einer Tendenz (wenn auch im geringeren Ausmasse) betroffen.

Die Treiber dieser Entwicklung

Dieser Trend ist soziokulturell und ökonomisch begründet. In all diesen Ländern sind Frauen noch nicht als gleichwertig angesehen. Ein Indiz dafür ist, dass die Frauenrechte dem Standard der Industrieländer hinterherhinken oder z.B. in Dörfern fernab der grossen Städte einfach ignoriert werden. Der Haupttreiber ist jedoch der finanzielle Aspekt. Die aus Indien stammende Redensart

"Ein Mädchen aufzuziehen ist so als würde man die Blumen im Beet des Nachbarn giessen"

bringt es ökonomisch auf den Punkt. Zum einen muss in die Bildung des Mädchens investiert werden mit der Gefahr, dass die Frau nach der Heirat ein Dasein als Vollzeit-Hausfrau und -Mutter fristet. Zum anderen muss beispielsweise in Indien auch eine ordentliche Mitgift bezahlt werden.

Weshalb Schwellenländer die höchste SRB aufweisen

Damit aber der Schwangerschaftsabbruch in der breiten Masse der Bevölkerung überhaupt erst möglich wird, müssen die wirtschaftlichen Voraussetzungen erfüllt sein. Denn Ultraschallgeräte oder fortgeschrittenere Formen der Pränatalen Diagnostik kosten Geld. Das erklärt auch, weshalb es bislang keine Effekte im subsaharischen Afrika gibt. In Indien dagegen ist im gleichen Zeitraum, in dem die SRB gestiegen ist, auch das Pro-Kopf-Einkommen um fast das zehnfache gewachsen. Damit es also zu der hohen SRB kommt, darf die Bevölkerung in den Ländern weder zu wohlhabend sein, da dann die ökonomischen Nachteile eines Mädchens zum Einkommen gesehen gering sind, und nicht zu arm, um einen Schwangerschaftsabbruch überhaupt erst zu ermöglichen. Dies erklärt auch, weshalb Schwellenländer am ehesten für diese Entwicklung anfällig sind

Die Folgen heute und die Prognose für die Zukunft

Die Folgen werden jetzt nach und nach sichtbar. Denn bei der Altersschicht, die jetzt ins heiratsfähige Alter kommt, schlägt sich der Frauenmangel voll durch. Das führt zu teils kuriosen Szenen, wie in China, wo die Eltern des Bräutigam mit denen der potentiellen Braut verhandeln und wo sich die Verhandlungsposition der Brauteltern stetig verbessert, aber auch zu Menschenhandel. In Indien werden die Frauen von ihren Familien an den höchstbietenden verheiratet. Zudem wird durch die Brautknappheit auch Polyandrie (Vielmännerei) wieder salonfähig: Eine Frau heiratet einen der Söhne der anderen Familie, muss aber zugleich für dessen Brüder zur Verfügung stehen.

Trotzdem wird das wohl ein zeitlich begrenzter Effekt sein. Denn langsam bessert sich die Situation für die Braut und ihre Familie. In Indien, wo der Mangel an Frauen im konservativen Norden besonders eklatant ist, werden inzwischen Frauen aus dem Süden akzeptiert und teilweise nicht nur auf die Mitgift verzichtet, sondern sogar an die Familie der Frau eine Zahlung geleistet. Auch der Staat bleibt nicht untätig und erlässt Mädchen auf staatlichen Schulen die Schulgebühren. Diese und weitere Anreize machen auf lange Sicht das Aufziehen von Mädchen wieder attraktiver und die Zahl der Abtreibungen sollte dann zurückgehen.

Quellen:

http://www.n-tv.de/mediathek/sendungen/auslandsreport/Frauenmangel-wird-fuer-Indiens-Norden-zum-Problem-article16192026.html

http://www.unicef.cn/en/index.php?c=index&a=show&catid=196&id=777

http://cdn-storage.br.de/iLCpbHJGNL9zu6i6NL97bmWH_-bf /_-QS/_A4c_2gp_71S/170905_1805_IQ---Wissenschaft-und-Forschung_Der-maennliche-Planet---Verschiebt-sich-uns.mp3

https://everylifecounts.ndtv.com/income-rises- fewer-girls-born-india-shows-study-8428

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